Bericht über die Veranstaltung über die Beziehung zwischen der Türkei und der BRD und der Rolle der Kurden

Bild vom ReferentenDer Historiker, Buchautor und Journalist Dr. Nikolaus Brauns, Berlin, blickte in seinem Vortrag am 25-01-2019 auf die seit 150 Jahre währende deutsch-türkische Waffenbrüderschaft zurück, um zu erklären, warum die Bundesregierung trotz heftiger Beschimpfungen von Seiten der türkischer Regierungsvertreter (z.B. deutsche Politiker als Nazis) nicht in der Lage und bereit ist, diese Diffamierungen mit dem notwendigen Nachdruck zurückzuweisen.

Der Referent erinnerte an die Ausbildung osmanischer Soldaten durch preußische Offiziere sowie an den Bau der Bagdad-Bahn im 19. Jahrhundert, an die Mitwirkung deutscher Soldaten bei der Niederschlagung eines kurdischen Aufstandes und dem Völkermord an den Armeniern. So be-kannte sich 1898 Kaiser Wilhelm II. anlässlich eines Besuchs in Damaskus als „treuer Freund der Muslime“. Deutschland versprach sich vom Bau der Bagdad-Bahn einen günstigeren Transport der Rohstoffe (u.a. Öl) für die aufstrebende deutsche Industrie – so Nikolaus Braun. Insbesondere galt es am Vorabend des Ersten Weltkrieges, das osmanische Heer kriegstauglich zu machen, damit es gegebenenfalls Deutschland und Österreich-Ungarn im Kampf gegen Russland und die West-mächte unterstützen konnte. Die bittere Konsequenz des Krieges war u.a. die Zerschlagung des osmanischen Reiches und der Verlust großer Gebiete an die Sieger Frankreich und England.
Als weiteren Aspekt der besonderen Beziehungen des Deutschen Reichs zur Türkei nannte der Referent den Nichtangriffspakt im Jahre 1941, vier Tage vor dem Überfall der deutschen Wehr-macht auf die Sowjetunion. Nach der Gründung der NATO erfolgte bereits im Jahr 1953 die Aufnahme der Türkei – zwei Jahre bevor die Bundesrepublik Mitglied wurde. In diesen Jahren erhielt die Türkei aufgrund von NATO-Beschlüssen zunächst kostenlos Waffen, später entwickelte sich Deutschland zum Hauptwaffenlieferanten.
Die Bereitschaft, den NATO-Partner Türkei mit hochwertigen Waffen zu versehen, nahm auch nicht während der Zeit der Militärdiktatur in den 80er Jahren ab. Diese Bereitschaft trifft ebenfalls auf die Gegenwart zu: Trotz des völkerrechtswidrigen Überfalls türkischer Soldaten und verbünde-ter Dschihadisten auf das syrische Staatsgebiet Afrin im Frühjahr 2018 und die Ermordung und Vertreibung vieler tausend Kurdinnen und Kurden sowie Christen und Muslime, erhielt und erhält die Türkei weiterhin Waffen aus Deutschland. Als die türkische Armee vor kurzem (31.10.2018) die syrischen Dörfer Korel, Selim und Aschma (westlich von Kobane) beschoss, gab es weder von der Bundesregierung noch von anderen NATO-Staaten energische Proteste, geschweige Sanktionen. Auch nach der Ankündigung des türkischen Präsidenten Erdogan hinsichtlich weiterer Angriffe auf Rojava (z.B. die Schaffung einer 32 km breiten Pufferzone unter türkischer Besatzung) erfolgten wiederum keine angemessenen Reaktionen. Seit Jahrzehnten geschehen immer wieder willkür-liche Verhaftungen, Verurteilungen und Ermordungen von Kurdinnen und Kurden in der Türkei durch vom Staat legitimierte Täter, ohne dass dies zu internationalen Protesten und Ächtungen führte. Diesem menschenverachtenden Verhalten der türkischen Regierung in Verbindung mit vielfältigen Verstößen gegen die Menschenrechte, begegnet der deutsche Staat weiterhin mit einer Mauer des Schweigens.
Die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit im Zusammenhang mit dem militärischen Schulter-schluss in der NATO sowie der sog. Flüchtlingsdeal, bei dem sich Erdogan verpflichtete, für eine Summe von ca. sechs Mrd. Euro etwa drei Mio. syrische Flüchtlinge in Lagern in der Türkei zu ver-bringen, sind vermutlich – so Dr. Brauns – die Gründe für die Zurückhaltung und Ignoranz der politisch Verantwortlichen in Politik und Regierung in Deutschland.
Die Veranstaltung endete mit einem Appell an die solidarische Unterstützung der verfolgten und von weiteren Überfällen bedrohten Menschen (Kurden, Araber, Christen und Yesiden) in Nord-syrien und der Forderung an die deutsche Politik, diesem Unrecht energisch entgegenzutreten.(fb)